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Webpage  des Herzblatt Kandidaten von 1996 und 1997

                Georg aus Wien 

 


Text aus Schweizer Expad Magazin Ausland ganz nah

Wien, Österreich

Schmäh, der

Humor ist etwas, das sich alle paar Kilometer ändert und in der jeweiligen Ausprägung viel über die Menschen der Region verrät. In Wien hat er einenimmensen Stellenwert.Humor, hier Schmähgenannt,bestimmt das Lebensgefühl der Stadt wie kaum etwas anderes. Der Schmäh ist Türöffner für jene, die ihn beherrschen, und Hürde für jene, die ihn nicht verstehen.

Um ihn zu beschreiben, fällt mir eine Szene der TV-Verkupplungsshow ‚Herzblatt‘ aus den 90er Jahren ein. In der Sendung musste sich eine Person für ein Date mit einer oder einem von drei KandidatInnen entscheiden, die hinter einer Trennwand verborgen waren und die kurze, bisweilen knifflige Fragen beantworteten. Der Moderator (und Sänger) Rainhard Fendrich, selbst ein Wiener, beginnt das Kandidateninterview unverfänglich: „Wenn Sie sich bitte vorstellen.“ Der Kandidat ist eine Erscheinung: kurze Locken (Schneckerln) und ein oranges Hemd, dessen Kragen er frech über dem Sakkoträgt. Falls er nervös ist, erkennt man es nicht. Eher hat man den Eindruck, dass er den berühmten Fendrich herausfordert. „Ich bin der Georg und ich komm aus Wien, einer größeren Stadt an der Donau. Und ich studier‘ da so vor mich hin und mach sonst …“, beginnt er im nasalen Tonfall der Wiener Nobelbezirke entspannt zu erzählen und lacht dabei gackernd. Der Moderator nimmt den Ball auf: „… eigentlich nix“. Schon renntderSchmähzwischen den beiden. „Schabernack!“, kontert Georg gespielt brüskiert, beide glucksen vor Lachen und das Publikum ist begeistert. Fendrich will es genauer wissen, er errät Georgs Studium (Betriebswirtschaft), seinen Wohnbezirk (das edle Döbling), das Bad, in welchem er seinen Sommer verbringt (Krapfenwaldl,hotspot der oberen 10.000) und dass es viel Freizeit gibt im Leben des jungen Mannes.Fendrich: „Faad.“
Georg: „Na. Naa, nix fad.“
Fendrich: „Na wos, wos?“
„Na ich treib mich herum und lass mich gehen“, setzt der junge Mann einen punktgenauen Treffer. Darauf hat Fendrich einen Konter: „Hamska Auto?“ In eine kurze Lachpause des Publikums platziert er die entscheidende Frage, gefasst und konzentriert.„Wie finanzieren Sie ihr Studium?“
Georg: „Großteils übern Bankomaten“.
Damit hat niemand gerechnet. Im Studio biegen sich die Menschen vor Lachenund die beiden Wiener strahlen selig, dass er ihnen so formidabel aufgegangen ist, der Schmäh. Georg wird im Laufe der Show noch weitere Wuchteln raushauen, doch Sandra aus Esslingen bei Stuttgart nicht von sich überzeugen können. Aber Finanzierungen „übern Bankomaten“ werden in Österreich zum geflügelten Wort.

Die Eckpfeiler vom Schmäh sind Schlagfertigkeit, Sprachgefühl und Wortwitz. Seine Querverstrebungen sindBösartigkeit und Sarkasmus. Als Zierde gibt’s zumdrüber streuen noch einen Hauch angriffiger Arroganz. Seine Kraft und seine Wahrheit schöpft der Schmähaber – egal ob er nun intellektuell, infantil, morbid oder komödiantisch daher kommt – aus der tiefen Erkenntnis, dass es immer die Schwächen und Laster sind, die einen Menschen interessant machen. Das leidenschaftliche Kommentieren der Schwächen der anderen und das noch leidenschaftlichere Ausleben der eigenen Verfehlungen werden zur gänzlich eigenständigen Kunst der Lebensführung. Die ‚Donaumetropole‘ mit ihren knapp zwei Millionen Einwohnern, darunter Rainhard Fendrich und Georg, sowie dem lethargischen Tempo des größten Dorfs der Welt, hat dieses Wissen über den Wert der Schwäche verinnerlicht. Wien ist daherbestimmt die natürliche Antithese zu allerlei Selbstoptimierungstheorien, Effizienzsteigerungsphantasmen und Ausgeglichenheitsmantras. Ehrliches City Branding könnte so aussehen: Fressen, Saufen, sich berauschen, überheblich protzen, wenn man oben ist und schamlos jammern, wenn man unten ist – das geht hier vortrefflich und ganz ohne Genierer. Noch dazu zu leistbaren Preisen, denn für das gute Leben zahlt schließlich immer ein anderer.

Weil das durchaus nicht alles sympathisch wirkt (und ist), kommt der Schmäh nicht ohne weitere Zutaten aus: Charme, Selbstironie und Zuckerguss. „Ich treib mich herum und lass mich gehen“ heißt das bei Georg und mit einem kessen Blick ins Publikum holt er sich die Absolution und gleichzeitig den Auftragfürs nächste Abenteuer. Heute ist er Buchhalter, DJ und Entertainer. Im Netz hat er seinen Auftritt verlinkt:www.georgauswien.at

 

JONAS MÜLLER (* 1982)

stammt aus Olten und lebt und arbeitet in Wien als Öffentlichkeitsarbeiter.

 

Geschichte meines HB Auftritts :)!

Im Sommer 1996 wurde ich im Krawa Bad gefragt, ob ich bei der Sendung Herzblatt mitmachen möchte. Da ich damals schon Komparse war, hat mir das natürlich voll getaugt. Ich ging zu einem Casting mit dem bekannten Spruch und wurde deshalb danach nach München zur Aufzeichnung eingeladen. Standesgemäß mit Business Class Flug. Die Sendung hat allen sehr gut gefallen, ich wurde aber nicht ausgewählt. Ein paar Monate später wurde ich dann nochmals als Kandidat eingeladen, sozusagen im Best of Fendrich zum Abschied. 2008 wurde dann meine Vorstellung aus einem Best of Herzblatt auf You Tube geladen und wurde dort ein viraler Hit, wahrscheinlich der erste aus und in Österreich.